Banken vs. Factoring vs. Sale-and-Lease-Back

26. November 2021 | Corporate Finance | Restrukturierung
Von Philipp Habdank

Die Coronakrise im Hinterkopf, die Lieferkettenkrise vor Augen und die milliardenschweren KfW-Refinanzierungen im Blick: Wer finanziert jetzt und künftig die Krisenverlierer – Banken oder alternative Finanzierer?

Drei Insolvenzen in nur drei Wochen und alles Unternehmen, die auf keiner Beobachtungsliste standen, nicht im Krisenmodus waren und bislang eigentlich ganz gut durch die Coronakrise gekommen sind. „Das waren alles Automobilzulieferer, die seit Wochen nichts mehr verkaufen, weil die Automobilhersteller nichts einkaufen“, berichtet Bernd Renz von der Targobank beim „Financing Friday“ des „Thinktank Corporate Banking & Finance.“

Renz‘ Bericht aus dem eigenen Kundenportfolio deckt sich mit den jüngsten Markterhebungen von Falkensteg. Der Restrukturierungsberater zählte für seinen Insolvenzreport im dritten Quartal 14 Insolvenzen von Unternehmen, die jährlich mehr als 20 Millionen Euro umsetzen, neun davon entfielen auf den September. Falkensteg zufolge stechen dabei die vier Automobilzulieferer Bolta-Werke, Heinze-Gruppe, A-Kaiser und Emil Bucher heraus, die mit Umsätzen von jeweils mehr als 100 Millionen Euro zu den größten Insolvenzen im dritten Quartal zählten.

Gruselige Prognosen für die Automotive-Branche

Diese Zahlen geben es noch nicht her, von einer großen Pleitewelle zu sprechen – die Prognosen für den Automobilzulieferersektor sehen aber nicht gut aus. Je nach Schätzung werden 2021 vermutlich bis zu 11 Millionen weniger Autos gebaut als zu Beginn des Jahres gedacht. Dem Kreditversicherer Euler Hermes zufolge sind in den kommenden vier Jahren 23,3 Prozent der klein- und mittelständischen Automobilzulieferer in Deutschland insolvenzbedroht, im Fahrzeugbau 15,1 Prozent und bei den Automobilherstellern knapp 10 Prozent. Zum Vergleich: Der Schnitt über alle Branchen hinweg liegt Euler Hermes zufolge nur bei 6,9 Prozent.

Das wird in vielen Branchen zu mehr Insolvenzen führen, weil sich der Staat in diesen Bereichen nicht einmischen kann – und das auch nicht darf, sonst wären wir in einer Planwirtschaft.

Bernd Renz, Targobank

Jetzt kommen auch noch die globalen Lieferengpässe, explodierende Rohstoff- und Energiepreise und generell steigende Inflation hinzu. „Das wird in vielen Branchen zu mehr Insolvenzen führen, weil sich der Staat in diesen Bereichen nicht einmischen kann – und das auch nicht darf, sonst wären wir in einer Planwirtschaft“, wird Renz deutlich. So gut die staatlichen Coronahilfen für Unternehmen auch waren, so bitter sind sie für die alternativen Finanzierungsanbieter, die in normalen Zeiten gegen die konventionellen Banken häufig den Kürzeren ziehen.

Der Ruf nach Asset-Based-Finanzierungen, speziell Factoring oder Sale-and-Lease-Back-Lösungen, wird immer dann laut, wenn plötzlich Liquiditätsbedarf besteht, den die Hausbank nicht bereitstellen kann oder will. „Durch die KfW-Hilfen, WSF-Mittel, Kurzarbeitergeld und was es alles gibt, wird momentan viel totgeschlagen“, sagt auch Christian Alpers, der bei Falkensteg das Immobiliengeschäft verantwortet – speziell das Sale-and-Lease-Back-Geschäft. Dabei verkauft ein Unternehmen eine Immobilie, mietet sie zurück, hebt stille Reserven und verschafft sich Liquidität.

Durch die KfW-Hilfen, WSF-Mittel, Kurzarbeitergeld und was es alles gibt, wird momentan viel totgeschlagen.

Christian Alpers, Falkensteg

Das Milliardenproblem mit den KfW-Krediten

Die Banken spielten im bisherigen Corona-Krisenmanagement eine wichtige Rolle, weil sie – spitz formuliert – nichts anderes mehr gemacht haben, als an ihre Firmenkunden die Hilfskredite der KfW durchzuleiten. Für die Banken ist die Situation komfortabel, denn der Staat hat sie dabei überwiegend oder sogar komplett aus dem Risiko entlassen.

Laut Monatsbericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie für den November 2021 wurden in der Coronakrise bereits rund 57 Milliarden Euro an Zuschüssen ausbezahlt, allein bei der Überbrückungshilfe III waren es rund 22 Milliarden Euro. Diese Gelder müssen nicht zurückbezahlt werden, andere hingegen schon: „Mittels der rückzahlbaren Hilfen des KfW-Sonderprogramms, der Bürgschaften und des Wirtschaftsstabilisierungsfonds wurden knapp unter 70 Milliarden Euro ausgereicht, der größte Anteil hiervon entfällt auf die Kredite der KfW“, so steht es im Bericht.

Das sind gewaltige Summen, die entweder als Gewinn erwirtschaftet oder refinanziert werden müssen. „Ich will das Problem nicht kleinreden, aber es ist nicht so groß, wie es auf den ersten Blick scheint“, sagt Rico Baumann, der bei der Deutschen Bank im Bereich strukturierte Finanzierung unterwegs ist. Bei der Gewährung der Kredite sei in den meisten Fällen auch auf eine tilgende Komponente geachtet worden. Damit reduziere sich die Herausforderung bei der Refinanzierung – sofern die Tilgungspläne aufgehen.

Ich will das Problem nicht kleinreden, aber es ist nicht so groß, wie es auf den ersten Blick scheint.

Rico Baumann, Deutsche Bank

Das wird nicht überall der Fall sein. Die Kollegen vom „Business Insider“ schreiben, dass bis Ende September bereits Kredite in Höhe von rund 330 Millionen Euro ausgefallen seien. Hinzu kämen weitere rund 1.500 Kredite im Wert von rund 600 Millionen Euro, die notleidend seien. „Business Insider“ bezieht sich dabei auf ein internes Papier des Bundesfinanzministeriums. Die Bundesregierung rechne damit, dass unter dem Strich rund 1 Milliarde Euro an Corona-Hilfen nicht zurückgezahlt werden – bezogen auf das ausgereichte Volumen wäre das keine schlechte Quote.

Schlägt bald die Stunde der alternativen Finanzierer?

Die spannende Frage ist jetzt, wie sich die Banken künftig verhalten werden, wenn sie wieder selbst in die Haftung müssen. Stellen die Banken dann immer noch die nötige Liquidität zur Verfügung? Bei Unternehmen mit temporären und unverschuldeten Problemen, die sich auf absehbare Zeit wieder lösen, sollten die Banken für ihre Firmenkunden Lösungen finden können. „Wenn aber noch mehr Themen dazu kommen, es eine negative Bilanz aus dem Coronajahr 2020 gibt und die Zukunft ungewiss ist, weil sich die Planung nicht mehr ganz so sicher validieren lässt, dann tut sich eine Hausbank schwer“, behauptet Renz.

Wir blicken nicht durch die Bonitätsbrille, wir schauen auf Assets.

Carl-Jan von der Goltz, Maturus Finance

Die Sichtweise einer Bank ist bonitätsorientiert. Alternative Finanzierer sind nicht so streng reguliert wie die Banken und gehen etwas anders an die Sache ran: „Wir blicken nicht durch die Bonitätsbrille, wir schauen auf Assets“, sagt Carl-Jan von der Goltz von Maturus Finance, einem Anbieter von Sale-and-Lease-Back-Finanzierungen von Maschinen und Fuhrparks, und bringt ein fiktives Beispiel. Nehmen wir ein Unternehmen mit 100 Millionen Euro Umsatz und einem Fuhrpark, der ursprünglich mal Anschaffungskosten von 35 Millionen Euro hatte und über 30 Jahre abgeschrieben wird. Der Zeitwert liegt vielleicht noch bei 15 Millionen Euro, der Restbuchwert aber nur bei 5 Millionen. Die Bank setzt dann 10 Prozent des Restbuchwertes als Sicherheit an, wohingegen der alternative Finanzierer den Zeitwert mit 80 oder 90 Prozent beleihen kann.

Das fordern Factoring-Anbieter von den Banken

Die Bank müsste hier allerdings mitspielen, denn sowohl beim Sale-and-Lease-Back von Immobilien, Maschinen oder dem Fuhrparkt als auch beim Factoring müssen die entsprechenden Sicherheiten von Rechten Dritter frei sein oder frei gemacht werden – und auf den Sicherheiten sitzen in den meisten Fällen bereits die Banken. „Wir finanzieren die Forderung mit 90 Prozent vor, eine Hausbank wird die Forderung aber nicht zu 90 Prozent als werthaltige Sicherheit in den Büchern haben, sondern eher mit 30 oder 40 Prozent“, sagt Renz.

Wenn die Bank nur 40 Prozent der Forderung freigibt, die eigene Linie im gleichen Umfang reduziert und der Factoring-Anbieter mit 90 Prozent dazu kommt, bleibt dem Kunden immer noch deutlich mehr Liquidität, die Bank hat durch die niedrigere Linie weniger Risiko und der Factoring-Anbieter mehr Neugeschäft. Zwischen Bank und Factoring-Anbieter wird es offenkundig immer nur dann kritisch, wenn beide mehr Geschäft machen wollen. „Aber in einer Liquiditätsnotsituation finden wir mit den Banken meistens eine gute und einvernehmliche Lösung“, sagt Renz.

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Banken zeigen sich eingeschränkt kooperationsbereit

Und was sagen die Banker dazu? „Ich bin ein großer Freund vom Factoring“, sagt Rico Baumann. „Bei Konsortialfinanzierungen kommen nicht selten Freibeträge für Factoring zum Einsatz, weil wir durchaus einen Mix an Finanzierungsarten schätzen.“ Die Deutsche Bank hat mit PB Factoring auch eine eigene Factoring-Tochter im Portfolio.

Baumann sieht einen sehr großen Finanzierungsmarkt. Es sei hanebüchen zu sagen, dass da kein Platz für mehrere Finanzierer sei. Mittelständler haben einen breiten Blumenstrauß an Finanzierungsmöglichkeiten aus dem sie wählen können – und in normalen Zeiten wählen in Deutschland die meisten nach wie vor die Bank.

Nun ist ein Banker kein unabhängiger Berater, und es ist auch nicht die drängendste Aufgabe der Banken, den alternativen Finanzierern Geschäft zuzuschustern. Was sich alternative Finanzierer wie Factoring- und Sale-and-Lease-Back-Anbieter aber wünschen, ist eine Diskussion mit den Banken – und zwar idealerweise bevor das Unternehmen mit dem Rücken zur Wand steht oder der externe Restrukturierungs- oder Insolvenzberater anklopft.

philipp.habdank@whatsup-cf.de

Info: Die komplette Diskussion gibt’s in der aktuellen „Financing Friday“-Folge im Think Tank zum Nachsehen und Nachhören. Noch mehre spannende Turnaround-Themen gibt’s auf der Themenseite #Restrukturierung.

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