M&A-Outlook 2022: Geht der Boom weiter?

8. Dezember 2021 | M&A | Private Equity
Von Philipp Habdank

Multi-Milliardendeals, Private-Equity-Investoren im Kaufrausch und verzweifelte Börsenhüllen (Spacs) auf der Suche nach Füllmasse: Das M&A-Jahr 2021 ist schon jetzt rekordverdächtig – vieles spricht dafür, dass 2022 noch spannender wird.

Man hat den Eindruck, dass viele M&A-Profis im Markt inzwischen auf der letzten Rille daherkommen. „Wir sind uns alle einig: 2021 war einmalig und hat viele Rekorde aufgestellt. Aber wir sind alle auch ein bisschen müde, weil es war schon anstrengend“, konstatiert Jürgen Zapf von Alvarez & Marsal beim letzten M&A-Monday in diesem Jahr von unserem Schwestermedium „Thinktank Corporate Banking & Finance“.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Das Gefühl von Jürgen Zapf ob der hohen Arbeitsbelastung trügt nicht, es lässt sich mit Zahlen belegen. Die Datenhörnchen von Refinitiv haben allein in den ersten neun Monaten des Jahres weltweit mehr als 40.000 Fusionen und Übernahmen im Wert von 4,4 Billionen US-Dollar gezählt. Refinitiv sammelt seit 1980 M&A-Daten, mehr Transaktionen als in diesem Jahr gab es nach neun Monaten noch nie.

M&A-Rekordjahr ist kaum noch zu verhindern

Von der Unsicherheit, die zu Beginn der Coronakrise herrschte und den M&A-Markt im ersten Halbjahr 2020 nahezu vollständig zum Erliegen brachte, ist nichts mehr zu spüren. Die meisten M&A-Deals – 45 Prozent aller Transaktionen, um genau zu sein – fanden in den USA statt, aber auch in Europa ist der M&A-Markt laut Refinitiv um 69 Prozent gewachsen.

Auch das nächste Jahr wird gut anlaufen: Der virtuelle Datenraumanbieter Intralinks prognostiziert für Deutschland für die ersten drei Monate gemessen am Transaktionsvolumen eine Überperformance von mindestens 10 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, auch wenn das erste Quartal 2022 nicht an das letzte aus diesem Jahr heranreichen wird. Virtuelle Datenraumanbieter eignen sich ganz gut als Orakel, weil sie Transaktionen schon weit vor der Bekanntgabe sehen.

Dass der M&A-Markt 2021 höchstwahrscheinlich neue Rekordvolumina verbuchen kann, hat eine Reihe von Gründen. Einer ist in den vielen Mega-Merger zu finden, die es in diesem Jahr gab. Ob das Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen, der Automobilzulieferer Hella, das Spezialchemieunternehmen Atotech, der Industrieharzhersteller Allnex, der Keramikhersteller Ceramtech, der Haustierbedarfshändler Zooplus oder Arzneimittelanbieter Biotest: alles deutsche Deals mit Milliardenbewertungen.

Private Equity geht aufs Ganze

Oft war bei diesen Transaktionen Private Equity im Spiel – mal als Verkäufer, mal als Käufer, mal auf beiden Seiten. Der neueste Trend ist, dass ein Private-Equity-Investor sein Portfoliounternehmen an sich selbst verkauft – mehr zu diesen GP-led Secondaries – wir nennen auch gern „Inzest-Buy-outs“ – und wie diese Deals funktionieren, haben wir im Podcast mit Britta Lindhorst analysiert.   

Am M&A-Markt dreht Private Equity inzwischen ein ziemlich großes Rad. Laut Refinitiv hat sich das weltweite Transaktionsvolumen von Private-Equity-Deals im Vergleich zum Vorjahr auf 839,6 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Die Anzahl der Private-Equity-Übernahmen stieg um 69 Prozent. Speziell in Deutschland ist dem M&A-Berater Lincoln zufolge inzwischen fast jeder dritte Käufer von Unternehmen im Wert von mindestens 50 Millionen Euro ein Finanzinvestor – Tendenz steigend.

Die Deal-Aktivität konzentriert sich immer stärker auf einige wenige Branchen: Wer aktuell ein Unternehmen aus den Sektoren Technologie, Healthcare oder E-Commerce zu verkaufen hat, kann sich seinen Käufer faktisch aussuchen. Krisenverlierer oder Branchen im Umbruch haben es dagegen schwer. Dieser stark ausgeprägte Herdentrieb gepaart mit dem hohen Anlagenotstand im Private-Equity-Sektor lässt die Bewertungen in den gehypten Branchen in den Himmel steigen. Lincoln zufolge sind relative Kaufpreisbewertungen von dem 20-Fachen des operativen Gewinns in den vergangenen zwölf Monaten keine Ausnahme mehr für diese Branchen.

Spacs stehen noch mehr unter Druck als Private Equity

Die Private-Equity-Herde hat schätzungsweise über 2 Billionen Dollar an trockenem Pulver im Gepäck. Dazu gesellen sich inzwischen auch noch die sogenannten Spacs, die dem Datenanbieter Spacs Analytics zufolge derzeit auf rund 153 Milliarden Dollar nichtinvestiertem Kapital sitzen. Die „Special Purpose Acquisition Companies“ sind leere Börsenhüllen, die auf der Suche nach einem Unternehmen sind, das sie übernehmen können.

Laut Refinitiv haben die Spacs in den ersten neun Monaten 275 „Business Combinations“ im Wert von 545,8 Milliarden Dollar angekündigt – also Übernahmen von Unternehmen durch die leere Börsenhülle. Gemessen am weltweiten M&A-Volumen machten die Spacs damit schon 12 Prozent aus. Ein bekanntes deutsches Beispiel für eine Spac-Übernahme ist Lilium. Der Flugtaxibauer zeigt ganz gut, wie lukrativ der Verkauf an ein Spac sein kann. Mit 2,8 Milliarden Dollar wurde das Start-up bewertet. Hergeleitet wird diese Fabelbewertung in der Investorenpräsentation mit Umsatz- und Ebitda-Zahlen für das Jahr 2026. Die Bewertung fußt auf fiktiven Geschäftszahlen, die fünf (!) Jahre in der Zukunft liegen.

Ein weiteres Beispiel ist der Onlinehändler Signa Sports United von Kaufhauskönig René Benko, das an das US-Spac „Yucaipa“ verkauft und dabei mit 3,2 Milliarden Dollar bewertet wurde – was mal eben dem 45-Fachen des aktuellen Betriebsgewinns entspricht und verdeutlicht, unter welchem Druck die Spacs stehen müssen. Die Börsenhüllen müssen innerhalb von zwei Jahren ein Unternehmen finden, das sie kaufen können – sonst muss der Spac-Manager das Vehikel wieder auflösen und verliert Geld. Mehr dazu, wie das Spac-Modell genau funktioniert und wer sich daran alles bereichert, in unserem ausführlichen Spac-FAQ und im Podcast mit Sven-Roger von Schilling.

Virtuelle Datenräume gab es schon immer, jetzt können wir auch digitale Verhandlungen.

Hartmut Krause, Allen & Overy

Wie hat Corona das M&A-Geschäft verändert?

Die Coronakrise hat den M&A-Markt nicht gestoppt, aber schon spürbar verändert. „Virtuelle Datenräume gab es schon immer, jetzt können wir auch digitale Verhandlungen“, sagt Hartmut Krause von der Kanzlei Allen & Overy. Ausgiebige Betriebsbesichtigungen vor Ort, Diner mit dem Management oder lange persönliche Meetings waren pandemiebedingt schlicht nicht oder nur eingeschränkt möglich.

Die virtuellen Verhandlungsrunden mögen das Geschäft an der einen oder anderen Stelle etwas komplizierter gemacht haben. Die Diskussionsrunde beim M&A Monday vermittelte aber vor allem das Gefühl, dass die Pandemie M&A-Deals noch schneller gemacht hat. Thorsten Weber – damals noch bei GCA Altium, mittlerweile umbenannt in Houlihan Lokey – deutete im Podcast neulich schon an, dass die Transaktionsgeschwindigkeit für Finanzierer im Leveraged-Finance-Geschäft inzwischen ein Alleinstellungsmerkmal sei, um sich vom Wettbewerb abzugrenzen.

Ich habe zwei Dinge mitgemacht, wo wir in zehn Tagen durchmarschiert sind. Das geht schon, aber nur mit guter Vorarbeit, wenn die Investoren schon in Vorleistung gegangen sind.

Jürgen Zapf, Alvarez & Marsal

Der M&A Monday gab ihm recht. Laut Hartmut Krause lagen zwischen der Öffnung des Datenraums und der Vertragsunterschrift manchmal nur drei (!!!) Tage. Auch Jürgen Zapf von Alvarez & Marsal hat in diesem Jahr die eine oder andere Nacht durchgemacht: „Ich habe zwei Dinge mitgemacht, wo wir in zehn Tagen durchmarschiert sind. Das geht schon, aber nur mit guter Vorarbeit, wenn die Investoren schon in Vorleistung gegangen sind“, so der Berater.

Preemptive Deals: Private Equity kürzt ab

Will heißen: Um in einer kompetitiven M&A-Auktion heute noch eine Chance zu haben, muss der interessierte Käufer seine Hausaufgaben in Form der Due Diligence im Prinzip schon gemacht haben, bevor das umworbene Unternehmen überhaupt an den Markt kommt – sofern die Qualität der Due Diligence nicht auf dem Altar der Zeit geopfert werden soll.

Die hohe Kunst im Dealsourcing besteht künftig also darin, potenzielle Übernahmeziele auszumachen und zu antizipieren, wann diese Unternehmen vermutlich an den Markt kommen werden, um dann schnell entscheiden und den Prozess abkürzen zu können – die Branche spricht dabei von „Preemptive Deals“.

Wenn wir vom Unternehmer kaufen, gibt es die Preemptive-Situationen nicht so häufig. Dann bekommt man auch genug Zeit für seine Due Diligence.

Matthias Obermeyr, Emeram

Normale M&A-Prozesse gibt es noch, aber sie werden seltener. „Wenn wir vom Unternehmer kaufen, gibt es die Preemptive-Situationen nicht so häufig. Dann bekommt man auch genug Zeit für seine Due Diligence“, sagt Matthias Obermeyr vom Münchener Finanzinvestor Emeram. Wer an M&A-Auktionen teilnimmt, kann sich diesen Luxus oft nicht gönnen.

So wird das M&A-Jahr 2022 werden

Vieles deutet darauf hin, dass sich der M&A-Boom auch 2022 fortsetzen wird. Sowohl Sabrina Schwiertz von Intralinks als auch Matthias Obermeyr von Emeram als auch Jürgen Zapf von Alvarez & Marsal sprechen von der berüchtigten „vollen Pipeline“. Sie ist aber anders befüllt als noch in diesem Jahr.

Die Übernahmeziele werden nächstes Jahr nicht schlechter, aber komplizierter – speziell die grenzüberschreitenden. Hartmut Krause führt die protektionistischen Tendenzen in vielen Ländern ins Feld. Und auch die Carve-outs würden immer komplexer. „Neulich hatten wir wegen der Konzern-Policy 22.000 Seiten Dokumentation“, berichtet der Anwalt. Private-Equity-Manager Obermeyr beobachtet einen Trend weg von den „Heavy Assets“ hin zu den „Asset Light“-Unternehmen. Sabrina Schwiertz glaubt, dass der aufkommende ESG-Trend die Due Diligence noch komplexer machen wird.

Und als ob das nicht schon genug wäre, weist Jürgen Zapf auch noch auf die zunehmenden gesamtwirtschaftlichen Risiken hin – angefangen bei den staatlichen Eingriffen in China über die herrschenden Inflationsängste und die noch immer nicht überstandene Pandemie bis hin zu den tiefen Umbrüchen, vor denen ganze Branchen stehen. „Dieses Paket in den Griff zu kriegen ist wirklich eine Herausforderung“, findet Zapf. Mal schauen, wie sie die Branche meistern wird.

philipp.habdank@whatsup-cf.de

Info: Den kompletten Mitschnitt der Diskussion gibt’s hier als Video- und Audiodatei. Noch mehr M&A-Mondays warten in der Thinktank-Mediathek auf interessierte Betrachter.

Weitere Beiträge ...

... die Sie auch interessieren könnten.

Das geht 2022 an den Finanzmärkten

Von Philipp Habdank
Leveraged Loans, Synloans, High Yield Bonds und Schuldscheine: Unser Ausblick auf die Finanzierungsmärkte in 2022.
Anschauen

Banken vs. Debt Funds: Das Imperium schlägt zurück (#10)

19. November 2021 | Leveraged Finance
Von Philipp Habdank
Zahlen, Fakten und Hintergründe – der Leveraged Finance Talk zum dritten Quartal 2021 mit Thorsten Weber von GCA Altium.
Anhören

Let’s talk about Spacs (#1)

2. Juli 2021 | Finanzierung | Investmentbanking
Von Philipp Habdank
Sven-Roger von Schilling erklärt, wie Banken und Hedgefonds ein System geschaffen haben, in dem sie nicht verlieren können.
Anhören